Seit vielen Jahren fordern Aktivist:innen, Wissenschafter:innen und NGOs auf Bundesebene oder wenigstens für Wien ein Archiv der Migration. Bislang vergebens. Dass die Kolleg:innen in Innsbruck etwas mehr Erfolg hatten, kam jetzt der asylkoordination zugute. Zeugnisse aus 35 Jahren Kampf um eine menschenwürdige Asylpolitik wurden gesichert.
Alles begann im März 2023 mit einer Einladung nach Tirol. Das Dokumentationsarchiv Migration Tirol – DAM veranstaltete mit dem Zentrum für Migrantinnen und Migranten in Tirol (ZeMIT) und der Universität Innsbruck eine Tagung zum Thema „Flucht ins Archiv“ und bat Herbert Langthaler aus seiner langjährigen Erfahrung zu berichten. Vertreter:innen von Beratungseinrichtungen, Aktivist:innen, Studierende und Forschende tauschten sich bei der Tagung darüber aus, inwiefern historische Spuren von Flucht und Asyl in Archiven auftauchen, wie und wo aktuell gesammelt wird und welche Leerstellen es gibt. Bei der Gelegenheit kam das Gespräch auf die vielen Unterlagen, die die asylkoordination seit ihrer Gründung 1991 gesammelt hat: Wie in vielen anderen Organisationen auch, fristeten diese in Kästen und Kisten ein unbeachtetes Dasein und liefen Gefahr, bei Platzmangel in naher Zukunft entsorgt zu werden.

Zivilgesellschaftliche Organisationen wie NGOs, Vereine und Initiativen vertreten Menschen, deren Perspektiven aufgrund struktureller Ausschlüsse häufig nicht Teil dominanter Erinnerungskulturen sind. In vielen Organisationen fehlen Zeit, Ressourcen und institutionelle Strukturen, um dieses Wissen langfristig zu sichern. Dadurch bleiben zivilgesellschaftliche Perspektiven in Archiven und historischen Narrativen oft unsichtbar. Im Zusammenhang mit gegenwärtigen globalen Verwerfungen und nationalen Rechtsschüben erscheint die Aufbewahrung von Aufzeichnungen, die von NGOs, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammengetragen wurden und werden, einmal mehr als dringende Aufgabe für eine vielschichtige Geschichtserzählung und -beforschung, die auch Migration und Flucht umfasst.
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Auf diesem Wege kamen Herbert Langthaler und Christina Hollomey-Gasser vom DAM ins Gespräch und suchten nach einer Möglichkeit, die wertvollen Unterlagen der asylkoordination zu bewahren, um das darin enthaltene Wissen auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das DAM erschien als geeigneter Ort für dieses Vorhaben.
Eine Kooperation zwischen Wien und Tirol
Die Sicherung von Unterlagen in Tirol scheint für eine in Wien basierte Organisation nicht gerade naheliegend. Jedoch konnte sich das DAM bisher in Österreich als aktivste Einrichtung etablieren, die dezidiert zur Geschichte von Migration und Flucht sammelt, diese archiviert und auch für die Öffentlichkeit zugänglich macht. In der Bundeshauptstadt waren die jahrzehntelangen Kämpfe und Forderungen nach einem Archiv der Migration bislang leider nicht erfolgreich: Man erinnere sich an die wegweisende Ausstellung „Gastarbajteri“ im Wien Museum 2004, sowie an Ljubomir Bratićs und Arif Akkılıçs Kampagne „50 Jahre Arbeitsmigration – Archiv jetzt!“ im Jahr 2012. Aktuell schließt das Kollektiv MUSMIG an diese ursprüngliche Forderung an und setzt sich in vielfältigen Interventionen für die Errichtung eines Museums für Migration ein. Ein Depot bzw. eine funktionierende Archivstruktur konnte aufgrund mangelnden politischen Willens jedoch bisher nicht geschaffen werden.

Das Sammelprofil des DAM also legte eine kooperative Zusammenarbeit mit der asylkoordination nahe. Der Umstand, dass die asylkoordination eine österreichweit agierende Plattform ist sowie dass das Online-Archiv des DAM als zentrale und ortsunabhängige Rechercheplattform dienen kann (siehe Infobox), sprach zusätzlich dafür.
Es war klar, dass ein solch umfassender Vereinsnachlass nicht ohne zusätzliche Finanzierung aufgearbeitet werden kann. Durch eine Projektförderung der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) konnten die Sichtungs- und Archivierungsarbeiten schließlich von Dezember 2024 bis Oktober 2025 in Angriff genommen werden. Ziel war die Sicherung und langfristige Bewahrung der Bestände und damit die Schaffung einer Grundlage für zukünftige Forschung, die Entwicklung neuer Fragestellungen und die Sichtbarmachung zivilgesellschaftlicher Perspektiven in der Erzählung von Migrationsgeschichte in Österreich.
Zurück ins Jahr 1991…
… als die asylkoordination österreich gegründet wurde und Mitstreiter:innen wie Anny Knapp, Markus Himmelbauer, Herbert Langthaler u.v.a. ihre Tätigkeiten und Aktivitäten penibel zu dokumentieren begannen. Zeitschriften, Hochschulschriften, Projektunterlagen, Kassetten, CDs, Plakate, rechtliche Härtefälle, etc. sammelten sich an, die wir – dicht an dicht in hohen Wandschränken im Besprechungsraum des Büros in der Burggasse abgelegt – vorfanden.
Konstantina Hornek, die für das Projekt gewonnen werden konnte, sah sich einer Mammutaufgabe gegenüber. Unterstützt durch Herbert Langthaler und Anny Knapp in inhaltlichen Fragen und vom DAM in archivarischen Belangen, schaffte es Konstantina die ursprünglich in über 200 Ordnern, unzähligen Stapeln und Kisten verteilten Unterlagen in rund 150 Archivkartons zu sortieren und deren Inhalte zu verzeichnen.

Der Bestand umfasst ein breites Spektrum an Materialien, welche sowohl die interne Vereinsgeschichte als auch die österreichische Asyl- und Migrationspolitik und -praxis seit den 1990er-Jahren widerspiegeln. Insbesondere für die Aufarbeitung der Periode nach dem Fall des Eisernen Vorgangs und dem damit einhergehenden Paradigmenwechsel in der österreichischen Migrations- und Flüchtlingspolitik stellen die Archivbestände der asylkoordination eine eminent wichtige Quelle dar.
Der Bestand wurde schließlich in eine 12-teilige Grundstruktur unterteilt, die aus dem Material heraus erschlossen wurde.
Gesetzesänderungen Härtefälle zu dokumentieren. Eine Sammlung zum „Gesetzesmonitoring“ umfasst Falldokumentationen von Asylverfahren der Jahre 1994 bis 1996. Sie enthält persönliche Dokumente von Flüchtlingen, amtliche Unterlagen wie Asylbescheide oder Ablehnungsbescheide sowie Korrespondenz von Hilfsorganisationen und Verbänden.

1992 startete das Projekt „Infobus – miteinander leben“ und tourte – ausgestattet mit Büchern, Video- und Audiokassetten, einer Ausstellung und Spielen zu den Themen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Vorurteile und Rechtsextremismus durch ganz Österreich.
Hinzu kommt eine Plakatesammlung mit über 200 Plakaten.
Archivierung als Prozess – Workshop
Die Archivierung stellte uns vor viele grundlegende und schwierige Fragen: Welche Unterlagen sind bedeutsam? Was kann aussortiert werden? Was ist eventuell andernorts besser aufgehoben? Welche Herausforderungen treten in Bezug auf die Bewahrung und Veröffentlichung solcher Unterlagen auf? Wie gehen andere Organisationen damit um? Archivtechnisch gesehen bestehen kaum Erfahrungswerte im Umgang mit so jungen Vereinsunterlagen, die nicht rein aus einer Verwaltungsperspektive bewahrt werden sollen. Datenschutzfragen wie der Umgang mit sensiblen, persönlichen Daten sind jedenfalls von höchster Bedeutung.
Um einen Austausch über diese Fragen anzuregen, luden wir zu Projektende Akteur:innen zivilgesellschaftlicher Vereine, Archivar:innen und Forscher:innen zur Diskussion über diesen Prozess zu einem Workshop ein.

Zivilgesellschaftliche Überlieferungen im Archivierungsprozess“ wühlen interessiert in den Unterlagen. Hier u.a. zu sehen: Cornelia Kogoj und Vida Bakondy. Der Workshop fand am 24. Oktober 2025 in der asylkoordination in Wien statt.
Auch hatte Konstantina Hornek die Gelegenheit, das Projekt beim internationalen Workshop „Archives of Migration. Participation, Knowledge Production and Collaboration“ im Dezember 2025 in Prag vorzustellen. Dieser Erfahrungsaustausch bestätigte uns in der Herangehensweise, Archivierung als Prozess zu betrachten, in dem der:die Archivar:in und kontextabhängige Faktoren (Zeit, Raum, Politik) eine entscheidende Rolle spielen. Möglichkeiten werden ausgelotet, Praxen erprobt und Fehler werden gemacht. Für die zukünftige Nutzung und Einordnung ist aber vor allem entscheidend, diesen Prozess möglichst transparent zu dokumentieren. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist bzw. noch gelingen wird. Auch die punktuelle Zusammenarbeit mit staatlichen Archiven oder spezialisierten Archiven, wie beispielsweise Der Österreichischen Mediathek, ist eine mögliche Strategie, um Unterlagen zu bewahren oder mehr Sichtbarkeit zu schaffen.

Was jetzt?
Schon bald werden alle Archivkartons in Innsbruck angekommen sein. Dann beginnt die Arbeit, eine Übersicht der Unterlagen ins Online-Archiv zu übertragen und Restbestände zu sortieren. Wenn dies geschafft ist, kann jede Person sehen, welche Materialien im Bestand der asylkoordination österreich in welchem Umfang etc. vorhanden sind. Je nach Datenschutz stehen die Unterlagen dann der Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung. Wir freuen uns über spannende Forschungsvorhaben oder Ausstellungsprojekte, in denen wir die Geschichte der asylkoordination zukünftig wiederfinden!

