In der DDR gab es keinen Rassismus. Punkt. Immerhin handelte es sich um einen antifaschistischen Staat, in den sogar die sozialistischen Brüder aus afrikanischen Ländern zum Studieren eingeladen wurden. Allerdings sollten sie dann auch ganz schnell wieder verschwinden. So erging es auch dem Vater von Tupoka Ogette, der aus Tansania zum Studium nach Leipzig kam und dort die in Gera im ostdeutschen Thüringen geborene Mutter der Autorin kennenlernte.
„So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur. Für eine lange Zeit werde ich mich zerrissen fühlen.“ Schon früh lernte die kleine Tupoka, dass es sowohl DDR- als auch BRD-Bürgerinnen leichter fällt, Rechtschutzversicherungsgesellschaft und Tschaikowski zu sagen als ihren Vornamen richtig auszusprechen. Die Leugnung von Rassismus in der DDR führte dazu, dass er nicht thematisiert wurde und dieses Schweigen vielfach bis heute anhält. Betroffenen wie der Autorin werden ihre Erfahrungen und Verletzungen abgesprochen. Und davon gibt es jede Menge. Ständig wurden sie und ihr Schwarzer Vater als anders markiert, als nicht normal, als weniger wertvoll, als weniger liebenswert. Unzählige Male wurde sie mit dem N-Wort beschimpft, in der antifaschistischen DDR, in der es täglich Rassismus gab. Punkt.
Abonnieren Sie die asyl aktuell

Fakten statt Fake-News, Information statt Propaganda. Gedruckt vier Mal im Jahr frei Haus, digital rund um die Uhr. Helfen Sie uns, das auch weiter zu liefern.
Mit Ihrem Abo sichern Sie kritischen Journalismus und eine starke Stimme für Menschenrechte.
Der Weg der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen mit Rassismus, Sexismus, körperlicher und sexueller Gewalt, Fettfeindlichkeit und Essstörungen führt die Autorin über steiniges, brennendes und unerschlossenes Terrain. Sie lädt dazu ein, diese Räume zu erkunden, rät aber auch zu Achtsamkeit, vor allem für Menschen, die selbst von den genannten Themen betroffen sind. Für Tupoka Ogette war und ist ihr Leben ein Abenteuer mit Abgründen, Abstürzen, Kampf und Erkenntnis. Heute ist sie 46 Jahre alt und beschreibt sich selbst als Brückenmensch. Wir als Leser:innenschaft dürfen froh sein, dass sie diese Brücke gebaut hat und uns so anschaulich zur Verfügung stellt.
In dem Gespräch der Autorin mit Matze Hielscher vom Podcast „Hotel Matze“, der ebenfalls sehr empfehlenswert ist (Folge Tupoka Ogette 2026 – Warum sollten wir unsere Geschichte erzählen?) sagt sie, dass in dem Buch schwere, traurige und traumatische Themen aufgearbeitet werden. Aber dass es auch genügend Raum für lustige Anekdoten, Lachen, Liebe, Wärme und unterstützendes Miteinander gibt. Und genauso liest sich ihr Buch.
Es ist die Geschichte einer Frau, die ihren Platz in der Welt sucht. Einer Welt, die eingeteilt ist in Stereotype und Non-Binäritäten. Sie handelt von ihrer Kindheit in der DDR, ihrer Jugend in West-Berlin, dem Großwerden mit einer wilden und Regime-kritischen Mama, Nutella-Liebe, Backstreet Boys, Selbstermächtigung und der Bill Cosby Show. Eine Geschichte, von der wir als Leser:innen aufgesogen werden und immer mehr wollen.
Das i-Tüpfelchen bei Tupoka Ogette ist, dass sie und ihr Buch von fantastischen Vorkämpferinnen wie Maya Angelou und Bell Hooks beflügelt wurden. Beim Lesen dürfen wir sie alle in ihre selbst erkämpfte Freiheit begleiten. SUM

Tupoka Ogette: Trotzdem Zuhause
München 2026, Penguin Verlag, 246 Seiten, € 23,-

