Wer sich eine genussvolle, entspannende Lektüre mit poetischem Anspruch erwartet, wird dieses Buch rasch aus der Hand legen. Doch solche Leser:innenerwartungen zu erfüllen, ist offensichtlich nicht das Ziel des Autors. Vielmehr hat er ausführlich mit Witz und Fantasie, auch mit Ironie nicht sparend, eine Art Schelmenroman geschaffen, eine Groteske im besten Sinn. Er nimmt den:die Leser:in mit zu einem Gedankenexperiment. Und es lohnt sich wirklich, diesem zu folgen.
Am Ende wird sogar die Polizei in die Flucht geschlagen, die dem Treiben der „Illegalen“ ein Ende setzen will.
Die Fragen, die nicht ausgesprochen werden, sich beim Lesen jedoch aufdrängen, fangen alle mit „Was wäre, wenn …?“ an. Was wäre, wenn Hausverstand statt bürokratischer Kriterien die wichtigen gesellschaftlich relevanten Entscheidungen prägen würde? … wenn Spannungen am grünen Tisch in direkter Kommunikation zur Sprache kämen? … wenn Mut und Querdenken belohnt würden? … wenn Empathie einen großen Stellenwert hätte? … wenn benachteiligte Menschen weder als Problemfall noch als Opfer angesehen würden? … wenn sie moralische Unterstützung bekämen bei ihren eigenen kreativen Ansätzen? Und so weiter.
Es geht also um mehr als nur die Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Die Ausgangsituation klingt ganz platt: In einen kleinen österreichischen Ort nahe der tschechischen Grenze („Ratz“!) kommen Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, und beleben mit ihren Ideen und ihrem Veränderungswillen den von starker Abwanderung betroffenen, trostlosen Ort. Unterstützt von Pfarrer, Bürgermeister und einigen anderen Einheimischen finden rasend schnell positive Veränderungen statt. Geschäfte, Landwirtschaft und Dienstleister:innen finden endlich Arbeitskräfte, die Wirtschaft erholt sich, leerstehende Gebäude werden restauriert, Kultur und Kommunikation erleben eine neue Blüte: Also Win-win-Situationen am laufenden Band.
Marmor, Stein und Eisen bricht,

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Am Ende wird sogar die Polizei in die Flucht geschlagen, die dem Treiben der „Illegalen“ ein Ende setzen will. Das klingt alles natürlich utopisch, aber die vielen witzigen Details lassen doch einen gewissen Genuss aufkommen und die Solidarität mit den Protagonist:innen wächst von Zeile zu Zeile. Auch wenn die Metaphern manchmal etwas zu vordergründig ausfallen und die direkte Sprache ein wenig die Zwischentöne vermissen lässt, ist die Lektüre insgesamt doch sehr zu empfehlen. Wo sonst kann man sich dieses wunderbare, zuversichtliche Gefühl holen, dass bei der Bewältigung wesentlicher gesellschaftlicher Herausforderungen noch lange nicht die Obergrenze erreicht ist. Im Gegenteil, da ist noch viel Luft nach oben!
AJ
Michael Scharang: Die Wagenburg oder Die Flüchtlinge von Ratz.
Wien 2024, Czernin. 240 Seiten, € 25,-

