Wenn man als schwarze Frau 1976 in der Schweiz geboren wurde, ist eine biographische Erzählung mehr als nur die Aufarbeitung der individuellen Geschichte. Angélique Beldner ist in einer Zeit aufgewachsen, in der in Kinderbüchern und -reimen ganz selbstverständlich das N-Wort vorkam „Witzig fand ich das nicht. Mitgelacht habe ich trotzdem.“ In einem solchen gesellschaftlichen Umfeld, wo niemand über Rassismus oder die Rolle der Schweiz im europäischen Kolonialismus nachdachte, blieb der Tochter einer Schweizer Mutter und eines (abwesenden) Vaters aus dem Benin nichts anders über. Die Autorin verwebt gekonnt die eigene Geschichte mit den gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz und lässt dabei die eigenen – als in der Schweiz sozialisierte Frau – rassistischen Gedanken und Gefühle nicht ausgespart.

„Ich hatte mir angewöhnt, Rassismus zu entschuldigen, negative Erlebnisse zu übersehen, Gefühle zu unterdrücken.“

Auch schon in der behüteten Kindheit im „Kokon“ der Familie und des Dorfes im Berner Oberland bleibt sie von Übergriffigkeiten („so süß, darf ich die Haare …“) und Rassismus oder fehlende Identifikationsfiguren in Kinderbüchern nicht verschont. Immer wieder werden eigene Erfahrungen zum Ausgangspunkt von allgemeinen Überlegungen zu Rassismus, Repräsentanz, Identität und dem Umgang der Schweiz mit Migrant:innen, Minderheiten und Asylsuchenden.

Beldners Erfahrungen ermöglichen einen Blick auf den allgegenwärtigen Rassismus, mit dem Schwarze Menschen konfrontiert werden, in der Schule, im Sport, beim Friseur, im Job und in den Medien. Sprache und ihr (langsamer) Wandel ist dabei ein prägender Aspekt, nicht nur das N-Wort, weshalb sie auch ein Glossar mit Begriffen aus antirassistischen Diskursen, aber auch Unwörtern wie „Mischling“ oder „rassig“ an das Ende des Buches stellt.

Marmor, Stein und Eisen bricht,

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Beldner wurde als Schauspielerin und Typographin ausgebildet und hat als Journalistin zuerst fürs Radio gearbeitet, seit 2015 als Moderatorin der Tagesschau und der Quizsendung 1 gegen 100 im Schweizer Fernsehen. Erst mit dem Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 und der darauf folgenden Black Lives Matter-Bewegung bricht vieles auf, was sie bisher verdrängt hatte. „Ich hatte mir angewöhnt, Rassismus zu entschuldigen, negative Erlebnisse zu übersehen, Gefühle zu unterdrücken und zu überspielen, und vor allem hatte ich aufgehört, darüber zu sprechen.“ Aus dieser Strategie der Anpassung wird nun ein bewusstes Eintreten gegen Rassismus. Sie dreht einen Dokumentarfilm und schreibt zwei Bücher. Die sind dringend notwendig. Rassismus mag heute vielleicht versteckter sein als vor einigen Jahrzehnten – „[d]och nur für die, die ihn nicht am eigenen Leib erfahren müssen.“ In diesem Sinne ist Beldners Buch augenöffnend gerade für jene, die nicht von Rassismus betroffen sind.
HL
Angélique Beldner: Rassismus im Rückspiegel.
Zürich 2025, Limmat Verlag. 192 Seiten, € 28, 80