Anlässlich des 5. Jahrestags der Machtübernahme fand am 11. August 2026 in den Räumen des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (oiip) eine Pressekonferenz statt. Titel: „5 Jahre Taliban Herrschaft – Bestandsaufnahme und Ausblick der Folgen für die Menschen in Afghanistan und die internationale Gemeinschaft“. Organisiert wurde die Veranstaltung von einem Zusammenschluss von Organisationen wie der Solidaritätsgruppe AfghanistanFremde werden Freunde, dem Bündnis Frauen Leben Freiheit und der asylkoordination österreich.

Unter der Moderation von Michael Fanizadeh, stellvertretender Geschäftsführer beim Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC), gaben insgesamt sechs Redner:innen einen Ein- und Überblick über die Entwicklungen in Afghanistan seit der Machtübernahme und die Rolle der internationalen Gemeinschaft, darunter auch Österreich.

Eines der zentralen Themen ist die von den Taliban errichtete Gender-Apartheit. Manizha Bakhtari, Botschafterin Afghanistans in Österreich, wies darauf hin, dass nicht nur die individuellen Rechte von Frauen unterdrückt und diese aus dem Alltag verbannt werden, sondern die Taliban darüber hinaus auch systematisch die Strukturen und Institutionen aushöhlen, welche grundlegende Rechte wie etwa Bildung ermöglichten. Masomah Regl, Gründerin des afghanischen Kulturvereins FIVESTONES, unterstrich dabei, dass zwar offener Protest auf der Straße brutalst unterdrückt wird, die Zivilgesellschaft und vor allem Frauen und Mädchen aber nach wie vor versuchen, sich den Einschränkungen in ihrem Alltag zu widersetzen. Beispiele sind der Besuch von Untergrundschulen oder auch Online-Beschulung aus dem Ausland. Zeba Mirzayee, Gründerin des Bildungszentrums Tabish in Afghanistan, wies zudem auf die ernste gesundheitliche Lage des Landes hin, die vor allem auch durch Mangelernährung hervorgerufen wird. Zudem forderte sie mehr Unterstützung für afghanische Migrantenorganisationen und dabei vor allem für diejenigen, die ihren Fokus auf Frauen und Mädchen legen.

Petritsch: Die Lage der Frauen in Afghanistan ist ein Lackmustest für die internationale Gemeinschaft. Das geht so nicht weiter, der Druck auf die Taliban muss zunehmen.

Ein weiterer Punkt, der von den Redner:innen aufgeworfen wurde, ist die zunehmende Normalisierung des Taliban-Regimes durch westliche Regierungen. Wolfgang Petritsch, langjähriger Spitzendiplomat und Präsident des oiip, kritisierte dabei, dass über „technisch“ genannte Kontakte Vertreter der Taliban nach Europa und sogar nach Brüssel eingeladen wurden, um über mögliche Abschiebungen zu diskutieren. Dies sei umso bedenklicher, da die EU über eine diplomatische Mission in Kabul verfüge; entsprechend hätten Gespräche auch dort erfolgen können. Die Einladung der Taliban wäre also selbst dann nicht notwendig, wenn man das Ziel der Abschiebungsgespräche teile. Allerdings zeigte Lukas Gahleitner-Gertz von der asylkoordination österreich auf, dass selbst die Staatendokumentation des BMI, somit jene Länderinformationen, die für Asylentscheidungen in Österreich zu Rate gezogen werden, das Taliban-Regime extrem kritisch sehen. Dies erklärt auch die immer noch hohe Schutzquote . Die Zahl der bisher erfolgten Abschiebungen nach Kabul liege bei etwa sieben Personen, was bei über 50.000 Afghaner:innen in Österreich einen verschwindenden Teil ausmacht.

Bevor der Raum für Fragen der Anwesenden geöffnet wurde, verlas Moheb Mobarez, politischer Aktivist und Obmann der Association of Young Afghan Leaders in Europe, seine Botschaft auf Farsi, um auch Menschen in Afghanistan mit seinen Worten zu erreichen. Darin warnte er vor der Gender-Apartheit, den massiven Einschränkungen von Medienfreiheit und vor der zunehmenden Anerkennung durch westliche Regierungen, die vor allem im Sinne einer Kooperation bezüglich Abschiebungen erfolge. Seine Botschaft beendete Mobarez mit einem Appell an die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, an der Seite des Widerstands der afghanischen Zivilgesellschaft zu stehen.