Haider, Berlusconi, Sarkozy, Meloni, Kurz – splitterhaft tauchen die Namen europäischer Politiker:innen und ihre Kontakte zu libyschen Machthabern medial auf. Wer an den Hintergründen solcher Beziehungen und an der historischen Entwicklung des nordafrikanischen Staates interessiert ist, die:der ist mit dem neuen Buch des österreichischen Politologen Thomas Schmidinger bestens beraten. „Libyen – Vom Kolonialismus zur Grenzmiliz Europas“ ist ein daten- und faktenreiches Buch, gespickt mit eigenen Erlebnissen des Autors aus Reisen über drei Jahrzehnte.

Staatliche Strukturen existieren nicht mehr, das Land wird von Milizen gesteuert, die tief ins Schleuser:innengeschäft verwickelt sind.

Libyen ist nicht erst seit dem Sturz al-Qaddafis ein in rivalisierte Gruppen zersplittertes Land. Nach der brutalen Kolonialzeit („die schlimmsten Verbrechen des italienischen Faschismus“) und der Verwaltung durch Großbritannien und Frankreich erlangte Libyen 1951 die Unabhängigkeit. Damals war es einer der ärmsten arabischen Staaten, 90 Prozent der Bevölkerung waren Analphabet:innen, es gab gerade einmal 16 Universitätsabsolvent:innen. Die Menschen identifizierten sich weit stärker mit ihrem Stamm, ihrer Stadt oder ihrer Religion als mit dem Staat.

Viele, vor allem junge Menschen, jubelten, als eine Gruppe rund um Muammar al-Qaddafi 1969 den König stürzte. Der Revolutionsführer, der nie ein offizielles Amt innehatte, zeigte sich nach innen und außen spendabel. Er unterstützte weltweit islamische und antiwestliche Bewegungen. Mit dem Reichtum aus dem Erdöl-Export baute er außerdem ein komfortables Sozialsystem im Land mit einer staatlichen Beschäftigungsgarantie auf. Unangenehme und schlecht bezahlte Jobs übernahmen Arbeitsmigrant:innen aus dem Nahen Osten, Asien und Subsahara-Afrika. Am Ende von Qaddafis Herrschaft bestand rund ein Drittel der Bevölkerung aus Nicht-Staatsbürger:innen.

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Der zunehmend autoritär herrschende Qaddafi wurde 2011 gestürzt, aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat sich bis heute nicht erfüllt. Staatliche Strukturen existieren nicht mehr, das Land wird von Milizen gesteuert, die tief ins Schleuser:innengeschäft verwickelt sind. Das hindert die EU nicht daran, Deals zur Bekämpfung von illegaler Migration auszuhandeln und dabei die systematische Misshandlung von Geflüchteten und Verstöße gegen See- und Völkerrecht in Kauf zu nehmen. „Die Milizen profitieren doppelt: von den Migrant:innen und von der EU. Um diese wechselseitige Erpressung aufrechtzuerhalten, muss ein Teil der Migrant:innen Europa erreichen, um Hoffnung zu erzeugen. Ein anderer Teil ertrinkt im Mittelmeer, ein weiterer wird abgefangen und zurückgebracht“, beschreibt Schmidinger die menschenverachtende Flüchtlingsabwehrpolitik. Ihm gelingt es, in dem durchaus sachlich verfassten Buch eindeutig Stellung zu beziehen. Eine Leseempfehlung für alle, die über den Tellerrand und hinter Schlagzeilen schauen wollen.

ERH

Thomas Schmidinger: Libyen – Vom Kolonialismus zur Grenzmiliz Europas,
Wien 2025, Verlag bahoe books. 189 Seiten, € 26,-