In Zeiten starker Migration – ganz gleich, ob Flucht, Arbeitsmigration aufgrund staatlicher Abkommen oder andere Formen wie akademische und künstlerische Ausbildungen – scheint es unglaublich, dass es in ganz Österreich kein Museum für Migration gibt.

Ein engagierter Kreis aus Sozial- und Kulturwissenschaftler:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen hat sich daher 2019 im Anschluss an eine Tagung zum Ziel gesetzt, auch hierzulande ein Museum für Migration zu gründen. Im Gespräch mit einer der Initiator:innen, Elena Messner, nennt sie als Hauptgründe „die Menge an Materialien und die Dringlichkeit“ der Thematik sowie die auch politisch relevante Frage nach Repräsentation, nach Fremd- oder Selbstdarstellung: „Wie und wer erzählt seine Geschichte und in welchem Rahmen?“

Es geht nicht um das Ausstellen von musealen Gegenständen, sondern um die Schärfung der Wahrnehmung, wie sehr die migrantische Bevölkerung die österreichische Gesellschaft geprägt und mitgestaltet hat. Es geht um Selbstrepräsentation der Subjekte, die zur Migration – in den allermeisten Fällen – gezwungen wurden und weniger um museale Konzepte herkömmlicher Art.

Migrantische Subjektivitäten

Das Ziel, Geschichten, individuelle Lebenswege zu erzählen, die aus den migrantischen Communitys direkt stammen, wurde nun – nachdem man im Volkskundemuseum vertreten war –, im Otto-Wagner-Areal am Steinhof in einem sehr ansprechenden Raum realisiert. Präsentiert werden unter anderem Behördenbescheide, Briefe und Texte von Schüler:innen, geflüchteten Menschen mit ihren Erinnerungen. Es gibt Tische und Sitzgelegenheiten, wo Mappen mit Material aller Art zum Durchsehen und Nachdenken einladen.

Die Forderung nach einem Museum für Migration ist jahrzehntealt, so wird einer der Mitgründer Ljubomir Bratic nie müde zu betonen.

Erstaunlich, was hier alles zusammengetragen wurde: Selbstverfasste Texte, deren individueller Stil und die spezifisch psychische Verfasstheit der Schreibenden auf die nüchterne Bürokrat:innensprache von Behördenbescheiden treffen. Einen größeren Unterschied im Zugang zum Thema kann es kaum geben. An den Wänden hängen Plakate und Fotos von Aktionen aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, die auf die Präsenz und das Engagement der migrantischen Gesellschaft aufmerksam machen. Der Raum will sichtbar machen, was in so vielen Aktionen zuvor schon geleistet wurde: Initiativen von Gastarbeiter:innen, Veranstaltungen, künstlerische Interventionen, Demonstrationen und Ähnliches.

© Karoline Janicek

Wissend, dass man* nie alles zeigen kann, gelten für die Verantwortlichen des Musmig-Kollektivs drei Grundprinzipien: Diese Art der Vermittlung migrantischen Lebens in Österreich soll partizipativ, kollektiv und veränderbar sein, das heißt, Ergänzungen, Erweiterungen und das Einbringen individueller Erfahrungen werden immer mitgedacht.

Gezeigt wird beispielsweise die Gründungsgeschichte des legendären Café Nil in Wien-Neubau durch ein deutsch-ägyptisches Ehepaar und die bürokratischen Hürden bei der Planung und Öffnung dieses arabischen Kaffeehauses im Jahr 1989.

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Am Weg zu einem eigenen Haus?

Die Ausstellung bietet aber auch Kollagen mit der Definition, was ein Museum für Migration auch sein könnte: „Ein Museum über Menschen ist ein Musem über Migration“ steht zu lesen.
Die Forderung nach einem Museum für Migration ist jahrzehntealt, so wird einer der Mitgründer Ljubomir Bratic nie müde zu betonen. In unzähligen Archiven, auf Dachböden, in vielen privaten Wohnungen finden sich Unterlagen, Materialien, Gegenstände u.v.m., aber kaum Platz und keine räumlichen wie personellen Strukturen, um sie und das damit verbundene Wissen und ihren Erfahrungsschatz zu zeigen.

In einer Stadt wie Wien, von jeher durch internationale Mobilität und Zuwanderung definiert, ist es höchste Zeit für ein eigenes Museum für Migration.

In Beantwortung der Frage, welche Wege man als Kollektiv überlegt hat, um das Ziel eines eigenen Museums zu erreichen, werden einerseits Vorbilder von internationalen Migrationsmuseen in München, London bis Buenos Aires oder Ghana genannt. In Köln entsteht gerade ein solches mit dem Titel „Museum Selma als Dokumentationszentrum und Museum für die Migration in Deutschland“. Andererseits sei aber auch immer die Möglichkeit von Kooperationen mit bestehenden Museen mitzudenken. Diese haben österreichweit immer wieder das Thema Migration (meist anhand von Jubiläen und Jahrestagen) in Schwerpunktausstellungen in den Fokus gerückt. Als fixe Forderung steht aber natürlich ein eigenes Haus an oberster Stelle, schließlich „platzt man aus allen Nähten“, so Messner.

Österreich wurde in den 1960er Jahren durch die sogenannten „Gastarbeiter:innen-Anwerbeabkommen“ mit der Türkei und Jugoslawien geprägt. Es sei, so die Initiator:innen, eine Notwendigkeit, die ökonomischen und gesellschaftlichen Leistungen der migrantischen Bevölkerung und ihren Beitrag zum Alltagsleben zu zeigen, aber auch deren Entbehrungen und Rassismuserfahrungen nicht unter den Tisch zu kehren.

Es geht dem Kollektiv also um nicht weniger als um die öffentliche Ermächtigung der Subjekte in einer (post-)migrantischen Gesellschaft, selbst zur Sprache zu kommen und eine selbstbewusste Rolle einzunehmen.
In einer Stadt wie Wien, von jeher durch internationale Mobilität und Zuwanderung definiert, ist es höchste Zeit für ein eigenes Museum für Migration. Der Raum, den es jetzt gibt, ist der erste wichtige Schritt dazu. Ein Besuch lohnt sich.

Pavillon 1 des Otto-Wagner-Areals auf der Baumgartner Höhe (Bus 47 A)
Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr frei zugänglich.