Am 12.September 2026 feierten wir ein Jubiläum, der Garten der Begegnung wurde 10!
Eine Gratulation und persönliche Eindrücke von Jutta Lang
Dieser besondere Ort wurde 2016 gegründet, weil der damalige Bürgermeister Andi Babler genau diese eine E-Mail las – unter sicher sehr zahlreichen –, in der Nikolai Ritter sein Konzept vorstellte, wie man Asylwerber:innen während der quälenden Wartezeit im Asylverfahren eine sinnvolle Beschäftigung ermöglichen kann.

Es begann also mit einer E-Mail, einem Bürgermeister und einem Erdbeerfeld, aber diese (Erfolgs-)Geschichte des Gartens wurde schon beschrieben bzw. findet man schön aufbereitet auf der Homepage des Gartens der Begegnung und in der Festschrift anlässlich des 10Jahres-Jubiläums. Ich möchte aber ein paar persönliche Eindrücke darüber erzählen:
Wenn man zum Garten der Begegnung fährt, findet man ihn am Ende der langen Mauer, die das Erstaufnahmezentrum Ost (EAZ-Ost) umgibt und gegenüber der Sicherheitsakademie des BMI. Bunte Stoffbaldachine gegenüber einem grauen, mächtig wirkenden Gebäudekomplex der Polizei – was für eine Symbolik.
Seit sechs Jahren ist für mich Samstag Garten der Begegnung-Tag, seit sechs Jahren fahre ich am Samstag nach Traiskirchen. Die Idee dieses Begegnungsraumes, in dem ein Gegenentwurf zu ausgrenzender Politik gelebt wird, faszinierte mich.
Als ich das erste Mal in den Garten der Begegnung kam, war es Winter und kalt. Wir saßen rund um das Lagerfeuer, jede:r mit einem Becher heißen Tee in der Hand. Die Männer, Frauen und Kinder kamen alle aus dem „Camp“, so wird das Erstaufnahmezentrum genannt. Jemand hatte die Idee, die Zeit zum Deutschlernen zu nutzen, und so begannen wir. Wir zählten reihum bis 10 und wieder zurück. Wer es schaffte, bekam Applaus. Wir benannten Farben und Dinge und lernten „Wie geht es dir?“ und „Danke, gut“. Die Woche darauf kamen neue Leute, und wir fingen von vorne an.

Dann kam der Frühling und der Garten erwachte buchstäblich zum Leben. Wobei es mehr ist, als ein Garten, sondern eine einen Hektar große Anbaufläche für biologisches Gemüse, Kräuter und Obst.
Ab März kamen immer mehr Menschen zum Arbeiten, einige, die schon in Österreich Fuß gefasst hatten, aber auch viele aus dem Erstaufnahmezentrum, um während der oft quälenden Wartezeit, in der sie kaum eine Arbeitserlaubnis bekommen, eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Nur wenige Schritte vom Lagerfeuerplatz entfernt liegt der Ort, an dem umgegraben, gesät, gegossen, gepflegt und schließlich geerntet wird. Also genau die ursprüngliche Idee: Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben und sie aus dem erzwungenen Nichtstun herauszuholen. Die Früchte dieser Arbeit lernt man neu zu schätzen, wenn man die oft harte Arbeit dahinter miterlebt.
Doch wir wollten mehr. Das größte Erstaufnahmezentrum Österreichs liegt einen Steinwurf entfernt, und wir überlegten, wie wir die Menschen dort erreichen können. Wie sollten wir eine Brücke bauen?
So stellten wir uns jeden Samstag mit einem Kanister Tee oder im Sommer mit frischem Saft vor den Eingang des EAZ, boten Tee und Saft an, sprachen mit den Menschen und luden sie für den Samstagnachmittag, den Willkommens-Nachmittag, in den Garten ein. Die Mehrsprachigkeit einiger Mitarbeiter:innen entpuppte sich als Schlüssel, und mehr als einmal wurde mir die eigene „Sprachlosigkeit“ bewusst, wenn uns die Menschen nur fragend anschauten und wir mit unserem Englisch, Französisch und Italienisch niemanden erreichten.
Währenddessen wurde der Garten der Begegnung immer mehr zu einem Begegnungsort, an dem es eine Mahlzeit gab, die an zu Hause erinnerte (danke an das Küchenteam), ein Ort, an dem man ein wenig Auszeit genießen, aber auch ein Ort, an dem man von seinen Sorgen erzählen konnte.
Denn genau das ermöglicht der Garten: einen Ort zu schaffen, an dem man einfach Ruhe genießen, arbeiten oder ein wenig das verwirklichen konnte, was Judith Kohlenberger meinte, als sie den GdB als „Oase der Menschlichkeit“ bezeichnete.
Nun ja, Sorgen gab es genug und vor allem einen Mangel an Informationen bei den Asylwerber:innen, und da versuchte ich anzusetzen, die jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten kam mir dabei zugute. Die ungezwungene Atmosphäre im Garten machte es leicht, Kontakte zu knüpfen, von denen manche heute noch bestehen. Ich versuchte, zu informieren, aufzuklären und zu vernetzen, und begleitete einige Menschen sehr intensiv durch das schwierige und ungewisse Ankommen, bis zur persönlichen Schmerzgrenze, wenn Menschen zwischen staatlichem Interesse und Verzweiflung fast zerrieben werden. Welche Freude und Erleichterung wenn am Ende Menschen Schutz bekamen und wie schmerzhaft, wenn alles umsonst war und Träume zerplatzten.
Der Garten veränderte sich, er wurde schöner, bunter und komfortabler. Auf dem Platz mit den Holztischen entstand eine große offene Küche, die Tische stehen heute unter Pergolen, über die große bunte Baldachine gespannt werden. Ein Container bietet im Winter einen heizbaren Rückzugsort an, und nebenbei entstanden mehrere neue Projekte, darunter das Sportprojekt der asylkoordination, an dem auch Traiskirchen beteiligt ist und das ich vor Ort organisieren durfte. Davon verstehe ich etwas: Sport hilft, sich selbst zu spüren, Sport bringt Erfolgserlebnisse, Sport tut der Seele und dem Körper gut und macht einfach Spaß. Der Garten der Begegnung bot uns den Rahmen dafür, und beim Willkommensnachmittag sorgten die Trainer, selbst ehemalige UMF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) aus Afghanistan, für Ablenkung von den Sorgen während der Wartezeit im Asylverfahren.
Die vielen anderen Projekte, Veranstaltungen, Feste und Aktionen dürfen hier nicht unerwähnt bleiben: von den Schulklassen, die einen Projekttag im Garten verbringen, bis zum orientalischen Frühstück, vom Jungpflanzenmarkt bis zum Acker Jam im September ist alles auf www.gartenderbegegnung.at nachzulesen.
Wer waren und sind die Menschen, die im Garten arbeiten, die alles am Laufen halten? Da sind vor allem die Gründer:innen, die bis heute unendlich viel Idealismus, Zeit und Energie in dieses Projekt stecken. Viele, die eine Zeitlang mitarbeiteten und nach wie vor verbunden sind, oder die, die im „Camp“ wohnen und sich über Beschäftigung und Kontakte freuten. Ehemalige Asylwerber:innen kommen zurück – als Mitarbeiter:innen, als Dolmetscher:innen, als Trainer:innen, als Role-Models für Neuankommende. Besser kann positive gesellschaftliche Dynamik wohl nicht dargestellt werden.
Im Garten der Begegnung zählt der Mensch, nicht die Nation, nicht die Religion.
Ist es immer einfach? Nein, es ist keine heile Welt. Diskussionen, Emotionen und das Finden von Strukturen gehören zum Alltag und sind zeitweise anstrengend. Wir haben die unterschiedlichsten Voraussetzungen und die unterschiedlichsten Erwartungen, aber jede:r kann sich engagieren: beim Unkrautjäten oder beim Organisieren von Events, beim Kochen oder beim Layouten, beim Tischlern oder beim Ernten, und alles ist wichtig. Der Garten der Begegnung ist lebendig, er wächst, verändert sich.
Die Frage ist, in welcher Welt wollen wir leben? Wir haben Verantwortung, jeder von uns, und im Garten der Begegnung haben wir die Möglichkeit, sowohl auf menschlicher, ganz persönlicher Ebene etwas zu bewirken, als auch – für mich genauso wichtig – eine politische Stimme zu sein.
Einer der treffendsten Sätze, die mir in Erinnerung geblieben sind, stammt von Lukas Gahleitner-Gertz anlässlich einer Podiumsdiskussion: „Lasst euch eure Empathie nicht nehmen.“
In diesem Sinne: Happy Birthday Garten der Begegnung, auf dass wir uns niemals die Empathie nehmen lassen.
Wenn es diesen Ort nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

