Statt des erhofften Regimewechsels hat der Krieg den Menschen im Iran gestiegene Armut und verstärkte Repressionen gebracht. Besonders betroffen sind die schutzsuchenden Afghan:innen im Land.

Die Menschen im Iran kommen nicht zur Ruhe. War der Beginn der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ im Herbst 2022 noch von der Hoffnung auf eine gesellschaftlich und politisch freiere Zukunft getragen, regieren heute – nach Monaten des Krieges mit den USA und Israel – Angst und Perspektivlosigkeit. In einem Interview mit der Tagesschau sagt die Nahost-Expertin Azadeh Zamirirad: „Für die Bevölkerung ist das eine desaströse Situation. Sie kommt ja gerade aus einer traumatischen Phase. Es gab zu Beginn des Jahres Massenproteste im Iran, die mit einer unglaublichen Brutalität niedergeschlagen wurden. Die Menschen sind nun von dieser Situation direkt in eine Kriegssituation gerutscht, die sich ja auch im Alltag bemerkbar macht.“

„Die Stadt riecht nach Blut“

Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran verstärkt die Regierung ihre Repressionen, so Amnesty International. Mehr als 6.000 willkürliche Festnahmen, Folter und über 40 politische Hinrichtungen hat die Menschenrechtsorganisation zwischen Februar und Juni dokumentiert. 

Die täglichen Nachrichten über Hinrichtungen, Selbstmorde und Verhaftungen verstärken die kollektive Erschöpfung. Anfang Juni, zur Zeit der Recherche dieses Artikels, war es nicht möglich, über internationale Apps Kontakt mit betroffenen Iraner:innen aufzunehmen. Über die nationale App „Baleh“ (auf Deutsch: Ja) auf einer iranischen SIM-Card ist es gelungen. Und obwohl das Regime die Kommunikation überwacht, waren die Antworten erstaunlich offen. „Ich habe keine Hoffnung mehr. Ich habe nichts, was ich verlieren könnte: Ich bin arbeitslos geworden, im November des letzten Jahres haben sie zwei meiner Freunde getötet. Ich gehe überhaupt nicht mehr aus dem Haus, die Stadt riecht nach Blut“, schreibt etwa die 40-jährige Nas, Grafikdesignerin aus Teheran. 

Und die 47-jährige Moni schreibt: „Ich bin am Ende meiner Nerven. Ich kann keinen Lärm mehr ertragen. Was haben wir getan, dass wir schon wieder Krieg erleben müssen?“ Sie arbeitet als Übersetzerin in einem privaten Büro. „Wir haben nichts zu tun, weil unsere Arbeit vom Internet abhängt. Wir waren ein Team von zwölf Personen. Jetzt sind wir nur mehr sechs, weil die männlichen Kollegen als Taxifahrer arbeiten, um Geld für ihre Familien zu verdienen.“

Höchste Preissteigerung seit 80 Jahren

Die 47-jährige Literaturlehrerin Azadeh hat ihr Geld mit Online-Unterricht verdient. Seit das Internet kaum mehr funktioniert und Suchmaschinen wie Google nur über teure VPN-Verbindungen erreichbar sind, hat sie ihre Kurse abgesagt. „Ich könnte mir zwar eine VPN-Verbindung besorgen, aber die ist so teuer, dass ich mir lieber Fleisch und Reis mit dem Geld kaufe“, erzählt sie.

Tatsächlich erleben die Iraner:innen derzeit die höchsten Preissteigerungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Inflation betrug in den vergangenen zwölf Monaten durchschnittlich 54 Prozent, der Verbraucherpreisindex war im Mai 2026 um 77,2 Prozent höher als im Vorjahr. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen prognostiziert für heuer einen Anstieg der Armutsquote im Iran um fünf Prozentpunkte – von derzeit 36 auf 41 Prozent. 

Ein 86-jähriger Pensionist aus Teheran weiß nicht mehr, wie er die Lebensmittel bezahlen soll: „Wegen der Inflation bekomme ich nur mehr 62 Euro Rente im Monat. Wenn ich ins Geschäft gehe, um Grundnahrungsmittel zu kaufen, bin ich völlig geschockt: Die Milch ist plötzlich doppelt so teuer.“ Auch Azadeh merkt an: „Es gibt keine Arbeit, kein Geld. Viele Familien können sich nicht einmal das Nötigste zum Essen kaufen. Ein Kilo Reis kostet mittlerweile 18 Euro.“ 

Die hohen Kosten erschweren das Leben in der Hauptstadt Teheran. Und auch die Angst vor Angriffen auf die kritische Infrastruktur in den dicht besiedelten Gebieten hat eine Binnenflucht ausgelöst. Laut UNHCR sind seit Ausbruch des Krieges 3,2 Millionen Iraner:innen in ländliche Gegenden geflüchtet.

Mitarbeit: Maryam Mohammadi

Afghan:innen unter Druck

Besonders schwierig ist die Situation für die geschätzt vier Millionen Afghan:innen, die oft schon seit Jahrzehnten ausgebeutet und diskriminiert im Iran leben. 

© UNHCR/Oxygen Empire Media Production

Die Mehrheit gilt offiziell nicht als Flüchtling, sondern hat einen Duldungsstatus. Ihr Zugang zu Arbeit, Bildung und zu alltäglichen Notwendigkeiten wie dem Erwerb einer SIM-Karte oder dem Reisen sind einschränkt. Durch den Krieg und die Sanktionen sind ihre Beschäftigungsmöglichkeiten, vor allem in der Bauwirtschaft, nun stark reduziert. Bereits seit dem Angriff Israels und dem folgenden 12-Tage-Krieg im Juni 2025 drängt sie das Mullah-Regime deshalb massiv zur Ausreise. Unter dem Vorwand, sie kooperierten mit dem israelischen Geheimdienst, werden sie zur freiwilligen Rückkehr nach Afghanistan aufgefordert, andernfalls drohten Abschiebung und ein fünfjähriges Wiedereinreiseverbot.

Der austro-afghanische Autor Emran Feroz schreibt in der Wiener Zeitung: „Afghani gilt im Iran als Schimpfwort. In mindestens sechzehn iranischen Provinzen dürfen Menschen afghanischer Herkunft offiziell nicht residieren. Es gibt öffentliche Parks mit der Aufschrift ‚Afghanen verboten‘. Mobilität und Infrastruktur werden für Afghan:innen massiv reguliert und kontrolliert. Dies betrifft sowohl öffentliche Verkehrsmittel als auch den Arbeitsmarkt. Geflüchteten ohne Aufenthaltsdokumenten, die die große Mehrzahl darstellen, wird der Zugang zu Schulen und anderen Bildungsinstitutionen verwehrt.“

Laut UNHCR mussten allein im Jahr 2025 2,9 Millionen Afghan:innen aus dem Iran und Pakistan in ihr Herkunftsland zurückkehren. Dort erwartet sie ein noch schlechteres Leben in Elend, Frauen haben keine Bildungs- und Arbeitschancen.

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Shirullah Hussaini holte für asyl aktull afghanische Stimmen aus dem Iran im Krieg ein.

Drei afghanische Stimmen aus Teheran erzählen von ihrem Leben unter diesen Bedingungen: Farida Popalzai, eine ehemalige Lehrerin und Mutter von fünf Kindern, die nach schweren Verlusten mit ihrer Familie im Iran lebt; Fahim Khani, ein junger Afghane, der seine Familie in Afghanistan unterstützen wollte; und Nasir Azizi, ein Arbeiter, dessen Frau und Kinder weiterhin in Afghanistan leben.

Farida Popalzai:
„Wir haben unser Zuhause verloren, aber nicht unsere Hoffnung“

Farida Popalzai lebt heute in Share-Quds in Teheran. Ihre persönliche Tragödie begann bereits im letzten Jahr vor dem Ende der afghanischen Republik, als sie ihren Mann im Krieg gegen die Taliban verlor. Er hatte im staatlichen System gearbeitet, Farida selbst war Lehrerin.

Nur zwei oder drei Tage nach der Machtübernahme der Taliban floh sie mit ihren zwei Töchtern und drei Söhnen in den Iran. „Wir hatten keine andere Möglichkeit. Wir mussten unser Zuhause verlassen. Wir haben unser Haus, unsere Erinnerungen und unser ganzes bisheriges Leben zurückgelassen. Aber die Angst ist mit uns gekommen.“ Im Iran begann für die Familie ein neues Leben, aber es war kein einfacher Neubeginn. Farida arbeitete zunächst in einer Näherei. Auch ihre Töchter halfen mit. „Wir haben mit unseren eigenen Händen versucht, unsere Familie zu ernähren.“

Mit dem jüngsten Krieg kam ein weiterer schwerer Verlust. Ihr ältester Sohn Taufiqullah, 19 Jahre alt, wurde bei einem Bombenangriff auf eine Ölanlage getötet. „Unser Haus lag in der Nähe der Anlage. Als die Bomben fielen, dachten wir, die Welt geht unter. Die Fenster unseres Hauses zerbrachen.“ Taufiqullah befand sich in einem kleinen Gästezimmer. Eine große Glasscherbe des zerbrochenen Fensters verletzte ihn schwer. „Wir brachten ihn sofort ins Krankenhaus. Er hatte sehr viel Blut verloren. Dort wurden zuerst Dokumente verlangt, die wir als Flüchtlinge nicht sofort vorlegen konnten. Während dieser Zeit verlor mein Sohn immer mehr Blut. Schließlich konnten die Ärzte sein Leben nicht mehr retten. Nach dem Tod meines Sohnes habe ich keine Kraft mehr, weiter in die Näherei zu gehen. Meine Seele und mein Körper sind erschöpft.“

© UNHCR/Oxygen Empire Media Production

Heute versuchen ihre beiden Töchter im Alter von 13 und 15 Jahren, die Familie zu unterstützen. „Meine Töchter sind noch Kinder, aber sie tragen eine Verantwortung, die eigentlich Erwachsene tragen sollten.“ Besonders sorgt sich Farida um ihren jüngsten Sohn Ahmad. Er ist elf Jahre alt. „Ein Kind braucht eine Schule und eine Zukunft. Ahmad möchte lernen. Aber heute weiß ich nicht, wie seine Zukunft aussehen wird.“

Auch der Kontakt zu ihrer Familie in Afghanistan ist schwieriger geworden. „Früher konnten wir über WhatsApp und das Internet regelmäßig miteinander sprechen. Heute ist das viel schwieriger. Manchmal vergehen Wochen, ohne dass wir wissen, wie es unseren Angehörigen geht.“ Eine Rückkehr nach Afghanistan ist auch keine Option. „Dort haben wir keine Sicherheit. Aber auch hier im Iran ist unser Leben voller Schwierigkeiten. Wir wünschen uns, dass unsere Stimme gehört wird.“

Fahim Khani:
„Ich möchte arbeiten und meiner Familie helfen, aber heute weiß ich selbst nicht, wie es weitergeht“

Fahim Khani lebt in Sha-Abdulazim in Teheran. Er ist ein junger unverheirateter Afghane. Vor seiner Flucht unterstützte er seine Eltern, Geschwister und Verwandten in Afghanistan finanziell. Nach dem Zusammenbruch der afghanischen Republik verließ er Afghanistan und ging in den Iran. „Ich dachte, ich kann hier arbeiten und meiner Familie weiterhin helfen.“ Im Iran arbeitete Fahim in verschiedenen Produktionsbetrieben. Doch die wirtschaftliche Situation wurde immer schwieriger. „Viele Betriebe haben weniger Arbeit oder schließen. Wir wissen oft nicht, was morgen passiert.“

Während des aktuellen Krieges zwischen Iran, Israel und den USA hat sich die Situation weiter zugespitzt. Es gibt Angebote, bei Kontrollpunkten mitzuarbeiten und dafür Geld zu bekommen. Aber ich möchte nicht Teil von Konflikten werden. Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten und meine Familie zu unterstützen.“

Seine größte Sorge bleibt seine Familie in Afghanistan. „Seit mehr als einer Woche habe ich keinen Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern. Manchmal habe ich nicht einmal genug Geld für Internet. Ich musste mir Geld ausleihen, um wieder Kontakt zu meiner Familie aufnehmen zu können. Meine Familie denkt, dass ich im Iran arbeiten und Geld schicken kann. Aber sie weiß nicht, wie schwer die Situation hier geworden ist.“

Nasir Azizi:
„Wir arbeiten, aber wir leben ständig mit Angst“

Nasir Azizi lebt in Mulavie in Teheran. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan floh er in den Iran. Seine Frau und seine Kinder blieben in Afghanistan zurück. Seitdem versucht er, im Iran zu arbeiten und seine Familie aus der Ferne zu unterstützen.

„Ich bin hierhergekommen, weil ich arbeiten und meiner Familie helfen wollte. Meine Frau und meine Kinder verlassen sich auf mich. Solange ich arbeiten konnte, habe ich versucht, Geld nach Afghanistan zu schicken.“ Im Iran arbeitete Nasir in einer Schuhfabrik, später in einer Metallwerkstatt und fertigte Türen und Fenster. Doch die aktuelle Kriegssituation zwischen Iran, Israel und den USA hat sein Leben wie das vieler anderer Afghaninnen und Afghanen noch unsicherer gemacht. „Seit die Spannungen und der Krieg begonnen haben, ist die Angst größer geworden. Niemand weiß, was morgen passiert und wie lange diese Situation dauern wird. Ich habe Angst, dass dieser Krieg noch lange dauern könnte, weil jeder Tag neue Unsicherheit bringt.“

„Wenn die Fabriken schließen oder die Arbeit weniger wird, haben wir sofort ein großes Problem, weil wir nur von unserer Arbeit leben.“ Besonders belastend ist für ihn die ständige Sorge um seine Familie in Afghanistan. „Manchmal fällt das Internet aus und ich kann meine Frau und meine Kinder nicht erreichen. Dann denke ich sofort an das Schlimmste. Wir leben weit voneinander entfernt und können nur hoffen, dass alle sicher sind.“ Nasir erzählt auch von den Schwierigkeiten, mit denen viele Afghaninnen und Afghanen im Iran im Alltag konfrontiert sind. „Viele Afghanen arbeiten hart, aber sie haben oft Angst, ihre Rechte einzufordern. Wenn ein Arbeitgeber den Lohn nicht bezahlt oder Probleme bei der Arbeit entstehen, schweigen viele, weil sie Angst haben, Schwierigkeiten zu bekommen oder abgeschoben zu werden.“

Auch die aktuelle Situation verschärft die Probleme. „Viele Menschen haben weniger Arbeit als früher. Für uns Afghanen ist es noch schwieriger, weil wir nicht die gleichen Möglichkeiten haben und viele von uns keine Sicherheit für die Zukunft haben.“ Über das Verhältnis zwischen Afghanen und Iranern sagt Nasir: „Wir erleben im Alltag oft Ablehnung und Vorurteile wegen unserer Herkunft. Viele Menschen behandeln uns leider nicht freundlich und respektvoll. Es gibt auch Menschen, die uns unterstützen und freundlich zu uns sind, aber solche Erfahrungen sind leider seltener.“ Die Angst vor der Zukunft begleitet ihn jeden Tag. „Wir wissen nicht, wie lange dieser Krieg dauern wird. Wir einfache Menschen wollen keinen Konflikt. Wir wollen nur in Frieden arbeiten, unsere Familien unterstützen und ein normales Leben führen.“ Für Nasir bedeutet Heimat heute vor allem die Hoffnung, dass er und seine Familie ei