Am 14. Januar 2026 lande ich auf der ägäischen Insel Lesbos. Mit mir im Flieger sitzen mehrere Menschenrechtsaktivist:innen und Journalist:innen, von ihnen erfahre ich von einer sehr bezeichnenden Gerichtsverhandlung am kommenden Tag. An meinem ersten Morgen auf Lesbos finde ich mich also unversehens im Gerichtssaal wieder. Die Decke ist grün-weiß gestreift, die Türen und Fenster sind ebenfalls grün. Die Farbe der Hoffnung. Die Stimmung im mit Holzmöbeln bestückten Saal voller Angeklagter, Anwält:innen, Richter:innen und Aktivist:innen ist angespannt. Die 24 Freiwilligen und Ersthelfenden wurden 2018 auf Lesbos angeklagt, weil sie Leben gerettet haben. Es drohen 20 Jahre Haft. Nach acht Jahren dürfen sie heute endlich aussagen. Es ist der bisher größte Prozess der Kriminalisierung von Solidarität und humanitärer Hilfe in Europa. Die Angeklagten kämpfen für uns alle, den Kampf für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Sie werden noch am selben Abend freigesprochen.

© Theresa Kurnoth

Die Farbe der Hoffnung

Das Community Center Paréa ist vermutlich allen Bewohner:innen von Lesbos ein Begriff. Es ist ein Ort, an dem Begegnung stattfindet, Solidarität gelebt und Menschlichkeit zurückgegeben wird. Zumindest wird es mit allen Mitteln versucht. Die elf NGOs, die hier arbeiten, müssen dies außerhalb des Camps Kara Tepe tun. Im Camp selbst sind sie und ihr kritischer Blick auf Verwaltung und Politik unerwünscht – ihre Arbeit wird kriminalisiert. Im Community Center bekommen Menschen Kleidung und etwas zu essen, können Rechtshilfe und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, Kinderbetreuung, Waschmöglichkeiten und Freizeitangebote nutzen, Fahrräder und Elektrogeräte reparieren und ins Internet gehen.

© Theresa Kurnoth

Es gibt einen Safe Space für Frauen und einen Garten mit Blick auf das Meer, was für mich Erholung und für die meisten Menschen hier Konfrontation mit traumatischen Erlebnissen bedeutet. Die ständige Entmenschlichung auf der Flucht bleibt sichtbare und spürbare Realität. Paréa ist ein notwendiger Versuch, den Geflüchteten diese Menschlichkeit Stück für Stück zurückzugeben. Auch die NGO Doro Blanke hat ihre Räume in Paréa. Ich darf die NGO für zwei Monate bei ihrer Arbeit vor Ort unterstützen.

„In the same ocean, two rings float: 
An orange one for those who came looking for fun, 
and a black one for those running from death. 
The first feels like summer and lightness, 
the second like a sadness heavier than drowning. 
Both are for survival- 
But it seems survival has its levels too.“ 
(Zitat von einem Freund bei einem langen Spaziergang am Meer über Abenteuer und Privilegien)


Schon in den ersten Tagen merke ich, dass all diese Eindrücke und Lebensrealitäten, zwischen denen ich mich hier bewege, viel mit mir machen. Leben und Tod, Lachen und Weinen, Gewalt und Solidarität, Angst und Privilegien, Entmenschlichung und Menschlichkeit, Orangen und Stacheldraht. Die Kontraste scheinen auf der Insel viel  deutlicher hervorzutreten, machen mich wütend und traurig und treiben mich an. 

Kaltes Wasser 

An meinen freien Tagen erkunde ich Stück für Stück die Insel. Dass ich dabei auf Spuren von Menschen auf der Flucht treffe, habe ich mir zwar gedacht, vorbereitet darauf bin ich dennoch nicht.

Die Stadt Mytilini ist klein, die Straßen eng und teilweise sehr steil. Autos und Mofas parken überall, viele Spiegel fehlen. Am Hafen reihen sich die Boote der griechischen Küstenwache aneinander. Unter ihnen stechen mir vor allem Boote der europäischen Grenzschutzbehörde FRONTEX ins Auge. Abfahrtbereit stehen sie im Hafen, um „europäische Grenzen zu schützen“, „Migrationsströme zu organisieren“ und bei der „Durchführung von Rückführungsaktionen zu unterstützen“. Wut steigt in mir auf. 

© Theresa Kurnoth

In Griechenland gibt es kein funktionierendes Asylsystem. Es mangelt Geflüchteten an allem: Unterkünfte, Nahrungsmittel und medizinischer Basisversorgung. Das neue Gemeinsame Europäische Asyl-System (GEAS) das am 12. Juni 2026 in Kraft getreten ist, wird solche Maßnahmen weiter verschärfen. Die Maßnahmen setzen auf Ausgrenzung, Abschottung und die Auslagerung von Asylverfahren in sogenannte sichere Drittstaaten. Die Rechte von Schutzsuchenden werden massiv beschnitten und menschenrechtliche Mindeststandards untergraben. Die menschenverachtende, rassistische Externalisierungspolitik und Rhetorik werden mit erschreckender Härte vorangetrieben. Für das Sterben an Europas Grenzen sind weder Naturgewalten verantwortlich noch Schlepperorganisationen, sondern eine Asylpolitik, die Schutzsuchende dazu zwingt, ihr Leben zu riskieren, um Schutz erhalten zu können. Für eine bessere Zukunft nehmen sie Tod, Folter und Diskriminierung in Kauf. Und Europa reagiert mit Abschottung und zieht seine Grenzen immer höher.

Ich fahre zum Camp. Fotos darf ich keine machen. Ich darf die Europaflagge und die griechische Flagge fotografieren. Beide wehen nebeneinander im Wind, auf Höhe der Stacheldrahtspitzen, durch die ich die weißen Zelte sehen kann. Es ist viel los heute. Es regnet gerade nicht. Viele Menschen laufen am Straßenrand Richtung Stadt. Gehweg gibt es keinen, einen öffentlichen Bus auch nicht. Ab 22 Uhr muss man im Camp zurück sein, jeden Morgen wird die Anwesenheit kontrolliert. Pro Tag und Person gibt es eine abgepackte Mahlzeit. Vom Camp zum Community Center Paréa sind es 30 Minuten Fußmarsch. 
Die Straßen und das Camp sind vom ständigen Regen überflutet. Viele Menschen können die Zelte nicht verlassen, da sie keine trockene Kleidung mehr haben. Für Familien mit Kindern ist das anhaltend schlechte Wetter besonders herausfordernd. Selbst meine Bettdecke ist feucht, wenn ich mich abends ins Bett lege. Ich aber habe eine warme Dusche – im Camp gibt es nur kaltes Wasser.

Ein paar Tage später fahre ich die Küstenstraße entlang. Die Felsen werden steiler und die Küste rauer. Was genau mich bewegt, hier stehen zu bleiben, kann ich gar nicht sagen. Die Luft ist salzig, ein warmer Wind weht. Überall liegt Müll. Nein, nicht Müll, es sind zurückgelassene Gegenstände. Dieser ganze Wald ist voll von Spuren angekommener Menschen, von Angst, Schmerzen und Erleichterung. Zwischen vielen Medikamenten entdecke ich Zahn- und Haarbürsten, Lippenstifte, Kleidungsstücke, Rettungswesten, Rucksäcke und viele Schuhe. Nur einzelne. Ich laufe weiter über ein paar Felsen bis zum Wasser, unschlüssig, angespannt, was mich da erwarten wird … als ich den Motor und ein paar Meter weiter das Schlauchboot auf den Steinen im Wasser sehe, das nicht nur die Luft, sondern womöglich auch Menschen verloren hat. Schlaff und schwer liegt es da, keine:r schaut hin.

© Theresa Kurnoth

Meine karierten Vans zwischen den schwarzen Rettungsringen zu sehen, lässt alles so real werden. Und diese Realität tut verdammt weh. Menschen werden weiter Grenzen überwinden müssen, egal wie hoch die Zäune sind, egal wie viel Stacheldraht und Grenzschutzbeamte sie quälen, wie viele Anläufe es braucht, um in das Schlauchboot zu steigen, wie ich eines gerade vor mir sehe. Letzte Nacht, am 26. Januar 2026 sind 45 Menschen auf Lesbos angekommen. Jeder Rettungsring an Land steht für eine Person, die überlebt hat. In Sicherheit ist sie aufgrund der europäischen rassistischen und menschenverachtenden Asylpolitik allerdings noch lange nicht. Wann die Menschen wirklich angekommen sein werden und in Sicherheit leben, weiß ich nicht, aber ich kämpfe dafür. 

Verbrannte Erde

Die Tage vergehen wie im Flug und Alltag schleicht sich ein. Bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Zitronenkuchen erfahre ich, was es bedeutet, in der Nacht über die Berge zu fliehen, wie Kinder mehrere Tage mit Schlafmittel ruhiggestellt werden, wie jeder Atemzug plötzlich zu laut sein könnte, man* im Wald entdeckt und gepushbackt werden könnte und wie viele Menschen für Stunden in einem Transporter gestapelt werden wie Orangenkisten. Es interessiert niemanden, wenn eine Kiste vom Transporter fällt.

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Gemeinsam mit anderen Helfenden besuche ich das am 8. September 2020 abgebrannte Camp Moria. Mein Kollege hat eineinhalb Jahre im Camp ausgeharrt, bis auch er wieder alles verloren und Doro gefunden hat. Oder sie ihn? Er zeigt uns, wo sein Zelt stand. Der Baum, der vor seinem Zelt stand, ist nur noch ein Skelett. Schon wieder so ein gruseliger Nicht-Ort, der so grausame Geschichten erzählt. Über zurückgelassene Kleidungsstücke, Kuscheltiere, Schuhe und Flaschen wächst Gras, aber nicht über die Geschehnisse. Rund 30.000 Menschen lebten hier damals, erzählt er. Es gab drei Ärzte im Camp. Besonders minderjährige Geflüchtete litten unter den grausamen Bedingungen in Moria. 500 Menschen mussten sich eine Toilette und eine Dusche teilen. Das Leben im Camp – Schlangestehen, Hoffen, dass dir niemand deine Decke oder dein Leben nimmt, überall konnte Gefahr lauern. Die Bedingungen innerhalb und außerhalb des Hotspots waren unbeschreiblich. 

© Theresa Kurnoth

Nach dem verheerenden Brand gab die EU-Kommission das Versprechen „No more Morias“ und sicherte Griechenland laut der Deutschen Menschenrechtsorganisation Pro Asyl 276 Millionen Euro zu, um sogenannte „Multi Purpose Reception and Identification Centres“ zu errichten. Eigentlich sollten es Camps mit besseren Unterbringungsbedingungen sein. In Griechenland entstanden daraus „Closed Controlled Access Centres (CCAC)“, also geschlossene Lager. 

Wie solche Zentren aussehen, zeigt ein Blick auf die griechischen Inseln Samos, Leros und Kos. Pro Asylbeschreibt sie wie Hochsicherheitsgefängnisse, die von zwei mit Stacheldraht gesäumten Sicherheitszäunen umgeben und rund um die Uhr überwacht sind. Erst nach Ausstellung eines Registrierungsdokuments können Asylsuchende theoretisch das Lager verlassen. Bis dahin vergehen oftmals mehrere Wochen, in denen sie faktisch inhaftiert sind. Wer danach das Lager verlässt, muss sich bei jeder Rückkehr strengen Sicherheitskontrollen inklusive Fingerabdrücke und Ausweiskontrolle unterziehen.

Das neu gebaute CCAC Vastria auf Lesbos ist zum Glück immer noch nicht in Betrieb. Es liegt mitten im Pinienwald, fernab der Zivilisation. Elf Verlängerungen und drei Jahre Verzögerungen im Bau des CCAC zeugen von der Absurdität, das Haftlager im Pinienwald von Lesbos zu platzieren. Neben einer massiven Waldbrandgefahr wird die notwendige Unterstützung durch NGOs aufgrund des abgelegenen Standortes unmöglich. Die Abschottung, Entrechtung und Dehumanisierung von Menschen auf der Flucht wird ausgebaut und legitimiert. 

Jetzt stehe ich hier also auf verbrannter Erde, weil die EU versagt hat und weiterhin versagt. Auch hier schaut keine:r mehr hin. Und ich? Ich schaue wieder runter auf meine karierten Vans, um mich zu vergewissern, dass ich gerade wirklich hier stehe. Aus verbrannten Bäumen kommen neue grüne Triebe. Aus verbrannter Erde entsteht neues Leben. Ein so widersprüchlicher Anblick.

Ich nehme viel Wut und Trauer mit nach Hause, aber auch viel Hoffnung und Kraft, da ich gesehen habe, was Solidarität möglich macht. Wir müssen nicht an die Außengrenzen fahren, um Veränderung zu bewirken. Wir können gleich jetzt anfangen, mit unserer Familie, Freund:innen, Bekannten, Schüler:innen und Kolleg:innen über das Thema zu sprechen. Solidarität fängt da an, wo ich mich für Lebensrealitäten anderer stark mache. Es braucht keine Homogenität, um solidarisch zu sein. Es braucht den Glauben an ein gemeinsames Ziel trotz Differenzen. Lasst uns dafür jetzt gemeinsam kämpfen!

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