Ein Besuch in der Community Gallery des Wien Museum lohnt sich. Der Ausstellungsraum, der bei freiem Eintritt zugänglich ist, versteht sich als Plattform für die Präsentation und Repräsentation der vielfältigen Communities der Stadt.

Kuratorin Michaela Kronberger beschreibt die Gallery als einen Ort, an dem unterschiedliche Wiener Lebensrealitäten sichtbar werden sollen – ein Anspruch, der sich auch in der aktuellen Ausstellung widerspiegelt.

© herbert Langthaler

Bis Ende Mai ist hier Viena Latina – Leben zwischen den Welten zu sehen. Die Ausstellung widmet sich den Lebensrealitäten von Menschen aus Lateinamerika und der Karibik, die heute in Wien leben. Entstanden ist das Projekt aus einer Kooperation zwischen dem Wien Museum, dem Österreichischen Lateinamerikainstitut und der Akademie der bildenden Künste Wien – vor allem aber aus der Zusammenarbeit mit den Communities selbst. Neben dem großen Team aus Kurator:innen waren (und sind) über 200 Personen partizipativ an der Ausstellung beteiligt.

Vielfalt sichtbar machen

Die Ausstellung setzt auf eine Vielzahl wissenschaftlicher und partizipativer Methoden: lebensgeschichtliche Interviews, die Photovoice-Methode, Stadtspaziergänge und Workshops. Dadurch ist ein Projekt entstanden, das bewusst offen angelegt ist – eine wachsende, interaktive Ausstellung, die von einem Begleitprogramm in deutscher und spanischer Sprache ergänzt wird. Die Ausstellung versucht gängige Stereotype über Lateinamerika und die Karibik aufzubrechen und die rund 20.000 Menschen aus dieser Region, die derzeit in Wien leben, in ihrer ganzen Vielfalt sichtbar zu machen.

© Herbert Langthaler

Doch ein solches Vorhaben bringt auch Herausforderungen mit sich. Die Kurator:innen Marcela Torres Heredia und Berthold Molden berichten etwa von sprachlichen Grenzen: Zwar sind die Ausstellungstexte auf Deutsch und Spanisch verfügbar und können per QR-Code auch auf Englisch und Portugiesisch abgerufen werden, doch die große Vielfalt lateinamerikanischer Sprachen – insbesondere Indigene Sprachen – sind nicht abgebildet.

Partizipative Methoden

Eine weitere Herausforderung liegt in der Partizipation der Community selbst. Rund 70 Prozent der Arbeit in partizipativen Projekten bestehe aus Kommunikation, erzählt Marcela Torres Heredia. Selbst wenn Menschen erreicht werden, bedeutet das nicht automatisch, dass sie sich beteiligen können oder wollen. Manche Gruppen engagieren sich sofort, andere gar nicht – oft entscheiden schlicht die Lebensumstände darüber, ob Zeit und Möglichkeit zur Teilnahme bestehen, etwa wenn Workshoptermine mit Arbeits- oder Betreuungszeiten kollidieren.

© herbert Langthaler

Ein Highlight der Ausstellung ist ein großer Wandteppich, der gemeinschaftlich von verschiedenen Kollektiven und Einzelpersonen gestaltet wurde. Beim gemeinsamen Sticken, berichtet Michaela Kronberger, entstanden viele interessante Gespräche. Für Marcela Torres Heredia zeigen gerade diese kreativen Prozesse, wie sich Partizipation und dekoloniale Ansätze besonders gut umsetzen lassen: Künstlerische Methoden seien oft flexibler als klassische wissenschaftliche Zugänge. Das Ergebnis ist ein farbenreicher Wandteppich, der zahlreiche Geschichten erzählt, die vor Ort in einer Broschüre nachlesbar sind.

Rückkehr, Flucht, Liebe

Auch historisch spannt die Ausstellung einen weiten Bogen. Ihre Chronologie beginnt im Jahr 1945, als Menschen aus Lateinamerika und der Karibik nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wien zurückkehrten. Eine Zeitleiste zeigt wichtige Momente der Migration: Eine besonders prägende Phase war etwa die Ankunft vieler Geflüchteter aus Chile nach dem Militärputsch von 1973. Heute erfolgt Migration aus Lateinamerika nach Österreich häufig über Anwerbungsprogramme – etwa im Rahmen von Pflegeabkommen mit Kolumbien – oder durch persönliche Beziehungen und Partnerschaften.

© Herbert Langthaler

Nach dem Ende der Ausstellung sollen die gesammelten Materialien und Informationen an die Community übergeben werden. Dafür hat sich bereits ein eigener Verein gegründet. Die Kurator:innen treten bewusst einen Schritt zurück und übergeben den Prozess an jene Menschen, deren Geschichten hier erzählt werden.

Viena Latina – Leben zwischen den Welten zeigt damit nicht nur Lebensrealitäten lateinamerikanischer und karibischer Communities in Wien. Die Ausstellung macht auch sichtbar, wie vielfältig ihre Beziehungen sind – zu Wien ebenso wie zu ihren Herkunftsregionen. In diesem Sinne ist Viena Latina mehr als eine Ausstellung: ein langfristiges Projekt, eine Initiative – und ein gemeinschaftlicher Prozess.

Viena Latina – Leben zwischen den Welten
5. März – 31. Mai 2026
Wien Museum, 1040 Karlsplatz 8