
Für Nicht-Wissenschafter:innen haben Ergebnisse qualitativer Forschung, wenn sie gut vermittelt werden, den Vorteil, dass Geschichten erzählt werden, Forschung lesbarer wird s. Birgit Glorius leistet in ihrem erstaunlichen Buch aber noch viel mehr. Sie wirft ihren forschenden Blick nicht nur auf die Geflüchteten, sondern auch auf die Aufnahmegesellschaft in den Jahren ab 2015/16 bis heute. Grundlage sind etliche Forschungsprojekte, die sie und ihr Team in den vergangenen zehn Jahren vorwiegend im kleinstädtischen/,ländlichen Raum durchgeführt haben. Anhand dieses Materials beschreibt und analysiert sie durch die Aufnahme von Geflüchteten und die damit einhergehenden Diskurse und Konflikte ausgelösten gesamtgesellschaftlichen sozialen Wandel.
Im ersten Teil der Studie stehen Geschichten von Flucht und Ankunft sowie Arbeitsmarktintegration in Mittelpunkt, aus denen die Autorin unter Einbeziehung verschiedener Studien und Statistiken verallgemeinerbare Ergebnisse herausarbeitet. Hängen bleiben beim Lesen in erster Linie die zum Teil absurden Hindernisse und Unmenschlichkeiten, mit denen Schutzsuchende konfrontiert werden. Auch der Rassismus gegen außereuropäische (muslimische) Flüchtlinge macht betroffen, der insbesondere im Kontrast mit der jüngsten Fluchtbewegung aus der Ukraine noch deutlicher hervorsticht…
Im zweiten Teil stehen dann die Gesellschaften in den Kleinstädten Ost- und Westdeutschlands im Mittelpunkt der Erhebungen und Analysen von Glorius und ihres Teams. Ausgehend von der Analyse von unterschiedlich verlaufenen Reaktionen der ansässigen Bevölkerung auf die Einquartierung von Geflüchteten in ihren Gemeinden, stellt die Autorin die Frage nach Prozessen der Identitätsbildung in den Aufnahmegesellschaften. Schließlich kommt sie auf die Begegnung zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ zurück, um dann auf die Besonderheiten von „Integration“ in kleineren Gemeinden einzugehen. Wichtig waren in diesen zehn Jahren auch die vielen unterschiedlichen Einflüsse, von Covid-19 und dem Überfall auf die Ukraine bis hin zu zahllosen Gesetzesverschärfungen, flüchtlingsfeindlichen Diskursen und dem Aufstieg der AFD.
Im abschließenden Kapitel werden die durch die Fluchtbewegungen induzierten gesellschaftlichen Wandlungsprozesse durch die Folie einer Theorie der sozialen Transformation analysiert.
Ein Buch mit dem Zeug zum Klassiker, erhellend und spannend.
HL
Birgit Glorius: Flucht, Ankommen und sozialer Wandel. Perspektiven für Geflüchtete in der deutschen Aufnahmegesellschaft.
Bielefeld 2025, transcript Verlag. 392 Seiten, Print € 49,- pdf: Open Access


