Uwe Becker hat bereits 2022 seine diskursanalytische Arbeit zur Berichterstattung über die so genannte Flüchtlingskrise im Jahr 2015 veröffentlicht. Sehr hilfreich ist dabei das einleitende Kapitel, das die verschiedenen Stränge der Diskursanalyse einführt und einige oft verwendete Begriffe wie „Rahmung/Framing“ oder „Narrativ“ erklärt. Die Analyse selbst beginnt mit medialen Konstruktionen, die die bereits 2014 zunehmenden Fluchtbewegungen begleitet haben. Einerseits die Verschiebung des politischen Diskurses von den Ursachen von Flucht und Migration zur Figur des „Schleppers“, der als Schuldiger ausgemacht wird und dessen Bekämpfung als Problemlösung präsentiert wird.

Weiters wird der weit verbreitete Nützlichkeitsdiskurs unter dem Motto „Wir brauchen euch“ untersucht. In weiterer Folge zeichnet der Autor das Wechselbad der medialen Diskurse des Jahres 2015 nach. Es reichte von der Begeisterung über die „Willkommenskultur“, Offenheit und Hilfsbereitschaft über das Gerede von Überlastung und Staatsversagen bis zum genüsslich medial inszenierten „Kölner Silvester“.

Becker untersucht die Berichterstattung (ca. 200 Texte) der Wochenzeitung Die ZEIT und ihrer online Version im Zeitraum vom Frühjahr 2015 bis zum Frühjahr 2016. Das hat nicht nur den Grund, das untersuchte Konvolut einigermaßen in Grenzen zu halten, sondern hängt auch mit der Bedeutung der Wochenzeitung als Leitmedium einer sich selbst als kosmopolitisch-liberales Bildungsbürgertum verstehenden Leser:innenschaft zusammen, das seit Jahrzehnten in Deutschland politische Diskurse setzt und mitbestimmt. Wie mediale Berichterstattung den politischen Vorgaben folgt und diese verstärkt, wird in der Analyse ebenso klar wie die systematische Ausblendung der Perspektiven von Geflüchteten oder der Verantwortung der EU oder Deutschlands für die Ursachen der Fluchtbewegung.

Spannend ist es auch, nachzuvollziehen, wie Angelika Merkel es für einen historischen Moment schaffte, mit ihrem Appell an ein als Einheit konstruiertes „Wir“, die Aufnahme von Flüchtlingen als eine nationale Aufgabe zu definieren. Ein Appell, der auch medial aufgenommen und verstärkt wurde – bis dann am 4. September mit der Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, die Stimmung zum Kippen gebracht wird, u.a. indem diese Entscheidung als ein Alleingang Merkels behauptet wird, ein Konstrukt, das bis heute weiterwirkt. Auch der Rest der Geschichte wird von Becker akribisch nachgezeichnet, inklusive Verhöhnung der „Gutmenschen“, Kriminalisierung Geflüchteterbis zu der heute verbreiteten Behauptung, „die Flüchtlinge“ sein Schuld am Erstarken der AfD.
HL

Uwe Becker: Deutschland und seine Flüchtlinge. Das Wechselbad der Diskurse im langen Sommer der Flucht 2015. Bielefeld 2022, transcript. 286 Seiten, Print: € 29,50, pdf: Open Access