REFUGEE TALES organisiert gemeinsame Wanderungen im Süden Englands. Auf diesen Wanderungen erzählen geflohene Menschen über ihre Erlebnisse u.a. in britischen Anhaltelagern. Über sein Projekt und die aktuelle britische Asylpolitik sprach Susanne Meier mit dem Menschenrechtsaktivisten David Herd.
Sobald David Herd von seinem Projekt REFUGEE TALES erzählt, leuchten seine Augen und er wird aufgeregt. David Herd ist Teil dieser Community und Mit-Organisator. Er unterrichtet außerdem Literatur und Menschenrechte an der University of St Andrews in Schottland. Im Dezember besuchte er Innsbruck für einen Gastvortrag im Rahmen des Projekts „Remembering 2015“ vom ZeMIT – Zentrum Migration Integration Teilhabe. Eingeladen hatte ihn Helga Ramsey-Kurz, Dozentin der Anglistik an der Universität Innsbruck, die selbst bereits mehrere Male an REFUGEE TALES-Wanderungen teilgenommen hat. Mit dem Thema Wandern ist er in Tirol ein gern gesehener Gast. Als wir im Interview über die Macht der Sprache und das Abrücken von Menschenrechten in der Migrationspolitik sprachen, fanden wir weitere Parallelen zu Tirol und Österreich.

asyl aktuell: Im Vortrag an der Uni Innsbruck sprichst Du darüber, wie sich die Migrationspolitik im Vereinigten Königreich von Feindseligkeit zu komplettem Ausschluss entwickelt hat. Kannst Du zusammenfassen, wie diese Entwicklung vonstattengegangen ist?
David Herd: Wenn ich mich zurückerinnere, begann diese Entwicklung im Jahr 2012 als die damalige britische Innenministerin Theresa May öffentlich sagte, sie wolle alles dafür tun, dass keine Flüchtlinge mehr ins Land kommen und, dass sie die Bedingungen für diese Menschen so schlecht wie möglich machen will. Das hat mich damals total schockiert, weil sie es frei heraus gesagt hat und nicht hinter vorgehaltener Hand. Und tatsächlich wurde es für geflohene Menschen immer schwieriger: Sie bekamen kaum Geld, konnten keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, es gab keine Bildungsangebote mehr für sie. Es wurde wirklich alles dafür getan, um sie abzuschrecken. Im Jahr 2022 fing man an, Flüchtlinge ohne Grund und ohne zeitliche Begrenzung in Lagern speziell für Flüchtlinge einzusperren.
Die Regierung begründet diese Politik mit dem Argument, dass die Menschen illegal im Land sind. Mit dieser Begründung wird aber die gesamte Genfer Flüchtlingskonvention ad absurdum geführt. Denn für diese Menschen gibt es keinen legalen Weg, um ins Land zu kommen. Es wird einfach behauptet, dass es illegal ist, um Asyl anzusuchen. Für mich bedeutet diese Argumentation eine Abkehr von den Menschenrechten, von dem Recht auf Asyl. Ich verwehre mich ganz strikt dagegen von illegaler oder irregulärer Migration zu sprechen. Dieser Sprachgebrauch ist inzwischen so normal geworden, aber er bedeutet nichts anderes als das die Sprache der Menschenrechte von uns gestohlen wurde. Arundhati Roy spricht vom „language heist“, einem Sprachraub. Wir müssen uns die Sprache der Menschenrechte zurückholen.
aa: Was ist für Sie die Sprache der Menschenrechte?
DH: Das absolute Minimum ist, dass wir das Wort illegal nicht mehr mit Migration verbinden. Was nämlich passiert ist, dass dadurch Menschen illegalisiert werden und Regierungen sich nicht mehr um sie kümmern müssen.

Sie verlieren ihre Rechte und können wie im Vereinigten Königreich einfach weggesperrt werden. Das trifft vulnerable Gruppen wie Flüchtlinge ganz besonders, letztlich betrifft es uns alle. Leider ist es so, dass wir derzeit erleben, dass die Universalität der Menschenrechte weltweit zerfällt, während die Praxis der brutalen Ausgrenzung von Schutzsuchenden global dieselbe ist.
aa: Siehst Du Unterschiede zwischen der Migrationspolitik des Vereinigten Königreichs und der Europäischen Union?
DH: Das Vereinigte Königreich ist das einzige Land in Europa, in dem Flüchtlinge unbefristet festgehalten werden können. Auch die Bedingungen in diesen Anstalten sind sehr schlecht. Nicht alle Menschen, die um Asyl ansuchen, werden eingesperrt, aber man spricht von etwa 60 Prozent. Es betrifft leider Menschen, die sich nicht wehren können. Für wie lange die Menschen weggesperrt sind, ist unterschiedlich. Es kann mehrere Wochen, Monate oder Jahre dauern. Ich weiß von einem Menschen, der neun Jahre lang eingesperrt war. Die Regierung sagt, dass dort Menschen eingesperrt werden, die das Land verlassen müssen, aber das stimmt nicht. Viele dieser Menschen bekommen irgendwann einen Aufenthaltsstatus.
Ich verwehre mich ganz strikt dagegen von illegaler oder irregulärer Migration zu sprechen.
Der wahre Grund ist, dass diese Politik zur Abschreckung dienen soll. NGOs und Rechtsberater:innen haben so gut wie keinen Zugang zu den Lagern. Die Flüchtlinge müssen dort ihre Handys abgeben. Sie verlieren sämtliche Kontaktmöglichkeiten nach außen. Es gibt ungefähr zwölf solcher Anstalten, in denen Geflüchtete ab 18 Jahren festgehalten werden. Im Jahr 2024 waren es 24.000 Menschen. 2023 gab es eine Fernsehdokumentation über die schreckliche Situation in den Lagern, die gezeigt hat, dass die Menschen dort psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind. Aber, anstatt die Lager zu schließen, will die Regierung sie ausbauen.
aa: Gibt es Politiker:innen, die sich gegen die Lager einsetzen?
DH: Generell haben leider sowohl Vertreter:innen der Konservativen als auch der Labour Party die gleiche Rhetorik und auch in ihrer Haltung zur Migrationspolitik haben sie sich in den letzten Jahren nicht groß unterschieden. Aber es gibt einige Politiker:innen der linken und grünen Parteien, die Kritik äußern. Die Labour Party war zumindest gegen die zeitliche Unbegrenztheit der Festsetzung. Aber seit sie 2024 in die Regierung gewählt wurden, haben sie das wohl vergessen.
aa: Seit dem Brexit ist das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil der Dublin-III-Verordnung, also dem Versuch der EU einer gemeinsamen Migrationsstrategie. Wie ist es dazu gekommen und hat das zu einer Verschärfung der britischen Migrationspolitik geführt?
DH: Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, nicht verstanden haben, dass das eine Auswirkung ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die EU entschieden hat, dass das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil von Dublin-III ist, wenn sie die EU verlassen. Das war sicher nicht die Entscheidung des Vereinigten Königreichs. Seit dem Brexit kommen mehr Menschen über den Ärmelkanal, weil sie wissen, dass sie aufgenommen werden müssen. Sie können nicht mehr nach Italien oder Griechenland zurückgeschickt werden, wo sie vielleicht schon registriert wurden, wie es mit der Dublin-III-Verordnung möglich war.
Seit dem Brexit kommen mehr Menschen über den Ärmelkanal, weil sie wissen, dass sie aufgenommen werden müssen.
Zu der Sinnhaftigkeit von Dublin-III sage ich jetzt nichts. Auf jeden Fall hat das dazu geführt, dass das Vereinigte Königreich sich eine eigene Migrationspolitik aufbauen musste. Diese besteht zu großen Teilen aus den bereits beschriebenen Lagern mit schrecklichen haftähnlichen Bedingungen. Ich glaube, dass sich die Regierung auf einer gewissen Ebene sehr für diese Vorgehensweise schämt, weil es dem Bild des Westens der Menschenrechte entgegensteht. Deshalb will man, dass diese Grausamkeiten besser nicht auf britischem Boden stattfinden, sondern in Ruanda oder Libyen, wo man es nicht so mitbekommt. Die Grausamkeiten sollen exportiert werden. Vorgemacht hat das übrigens Australien: Es war das erste Land, das externalisierte Lager in Papua-Neuguinea errichtet hat.
aa: Glücklicherweise gibt es Projekte, die all diese Grausamkeiten öffentlich machen und dagegen ankämpfen. Eines dieser Projekte ist REFUGEE TALES. Was genau macht ihr?
DH: Wir organisieren Solidaritäts-Wanderungen gemeinsam mit Flüchtlingen und Menschen, die in den haftähnlichen Lagern eingesperrt waren. Die Organisation Gatwick Detainees Welfare Group hat 2015 damit gestartet. Es findet jedes Jahr im Sommer eine große fünftägige Wanderung statt und monatlich eine eintägige. An einer Wanderung nehmen 200 bis 250 Menschen teil. Es ist eine richtig tolle Sache und eine großartige Community. Bei den Wanderungen werden Geschichten über die Lager erzählt, damit viele Menschen etwas davon mitbekommen. Es gibt aber auch viel Austausch und Musik. Wir schaffen damit ein Gegengewicht. Unsere Gemeinschaft feiert Gastfreundschaft und eine Willkommenskultur.

Viele der Berichte der Menschen, die eingesperrt waren, haben wir gesammelt und in fünf Büchern veröffentlicht. Wir sind sehr erfolgreich, nur das Gesetz haben wir leider noch nicht verändern können. Ganz wichtig ist uns, alles gemeinsam mit den Betroffenen zu machen, sie selbst sprechen und agieren zu lassen und ihnen solidarisch zur Seite zu stehen. Dieses Jahr hatten wir unser zehnjähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass haben wir Politiker:innen eingeladen. Sie haben mit den Betroffenen geredet und sich angehört, wie es sich anfühlt, ohne Grund für unbestimmte Zeit eingesperrt zu sein.
Es gibt viele Projekte wie das unsere – im Vereinigten Königreich, in der EU und auf der ganzen Welt. Ich glaube, es entstehen gerade neue Modelle von politischer Basisarbeit als Reaktion und aktivistische Opposition zu rechtsextremen Agenden auf der ganzen Welt.
aa: Ist Dir eine Geschichte besonders in Erinnerung geblieben?
DH: Das ist die Geschichte von Pius. Er ist als Kindersklave in Ghana aufgewachsen. Als Opfer von Menschenhandel ist er ins Vereinigte Königreich gelangt, wo er in moderner Sklaverei weiter schuftete. Als er um Asyl ansuchte, wurde er ins Lager gesperrt. Pius erzählt diese Geschichte oft Politiker:innen oder der Presse. Er sagt dann immer, es gibt zehn Lager im Vereinigten Königreich und er war in allen. Er wurde festgehalten und wieder freigelassen, festgehalten und wieder freigelassen.
Das ging über zwei Jahre so, bevor er endlich einen Aufenthaltsstatus bekam. Er hat studiert und mit höchster Auszeichnung abgeschlossen. Jetzt arbeitet er als Sozialarbeiter in London. Das ist eine Erfolgsstory mit gutem Ausgang. Aber was Pius noch nicht verarbeitet hat, ist die Retraumatisierung in den britischen Lagern. Er dachte, er kommt nach Europa, wo es Menschenrechte gibt und stattdessen wurde er grundlos weggesperrt und seiner Rechte beraubt. Ich bin Pius sehr dankbar dafür, dass er seine Geschichte erzählt. Mit seiner Stärke und seinem Mut kann er wirklich etwas verändern.
aa: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Dich und für REFUGEE TALES.


